Ihre Fragen zu Legasthenie / LRS

“Muss ein Legastheniker vor der Klasse vorlesen?“

Schöne Geschichten zum Lesen lernen

„Mein Sohn Alexander geht in die 4. Klasse und hat eine Leseschwäche und eine Rechtschreibschwäche. Deswegen besucht er eine Lerntherapie, seine Rechtschreibnote wird ausgesetzt und seine Klassenarbeiten werden ihm vorgelesen. Nun musste er vor der versammelten Klasse wegen eines Vorlesewettbewerbs einen Text vorlesen – weil dies alle Kinder mitmachen sollten. Dieser wurde dann von deen Mitschülern bewertet. Alexander hat natürlich kaum Punkte (5 von 320 möglichen) bekommen und ist sehr frustriert und traurig nach Hause gekommen. Was halten Sie davon?”


Reimann-Höhn: “Das Vorgehen halte ich für pädagogisch unhaltbar. Ein Kind mit einer Leseschwäche braucht Lob, Anerkennung und Motivation, um sich mit der schwierigen Tätigkeit des Lesens auseinanderzusetzen. Eine Beschämung vor der Klasse erfüllt diese Bedingung ganz sicher nicht. Ich würde diesen Vorfall unbedingt ansprechen, um eine Wiederholung auszuschließen.
Der Notenschutz und das Vorlesen sind eine Unterstützung, damit ein betroffenes Kind genauso wie die anderen seine Leistung erbringen kann. Vorlesen vor der Klasse unter Bewertung der Mitschüler ist genauso, wie ein Kind mit Krücken an einem 100 Meterlauf teilnehmen zu lassen – und es dann genauso wie alle anderen Teilnehmer zu bewerten. Der Grundsatz der Gleichbehandlung wird hier krass miss-interpretiert.“

„Was sind typische Fehler für einen Legastheniker?“

Immer wieder taucht in der Fachliteratur das Märchen von den typischen Fehlern auf. Dabei gibt es sie gar nicht. Kinder mit großen Schwierigkeiten beim Lesenlernen oder der Rechtschreibung machen so ziemlich alle Fehler, die man sich vorstellen kann. Sie sind meist nicht in der Lage, Wortbilder korrekt abzuspeichern, Rechtschreibstrategien zu entwickeln und/oder gehörte Laute richtig abzubilden. Anstatt sich zu merken, dass der Tiger nur mit einem i geschrieben wird, findet man bei ihnen immer wieder andere Schreibweisen (z.B. Tieger, Tihger, Tiger, Tige, Tiker). Sie raten jedes Mal aufs Neue, und manchmal liegen sie damit natürlich auch richtig. Aber auch bei Wörtern, die beispielsweise über eine Wortfamilie leicht zu erschließen wären, scheitern Legastheniker. Die Erkenntnis, dass Fahrrad von fahren und Rad hergeleitet werden kann, braucht bei ihnen wesentlich länger als bei anderen, weil auch dieser Wortschatz nicht gesichert ist. Da die Zeit solches Wissen aufzuholen in der Schule meistens nicht zur Verfügung steht, erweitert sich der Abstand zu den Klassenkameraden von Tag zu Tag mehr.

„Haben Kinder mit Legasthenie nur im Deutschunterricht Probleme?“

Anfangs beschränken sich die Probleme, die sowohl im Lesen als auch in der Rechtschreibung auftreten können, auf den Deutschunterricht. Je weiter ein Kind jedoch in der Schule voranschreitet, desto stärker werden diese so genannten Kulturtechniken auch in allen anderen Fächern benötigt und bewertet. Textaufgaben müssen gelesen und verstanden werden, im Sachunterricht gilt es, durch das Lesen Zusammenhänge zu verstehen oder kleine Texte fehlerfrei zu verfassen. In der weiterführenden Schule werden das schnelle Erfassen von Texten und eine korrekte Rechtschreibung dann immer wichtiger. Zunehmend fließen die Rechtschreibnote und das Leseverständnis in die Gesamtbewertung ein, besonders im Gymnasium.


„Wie kann ich bei meinem Kind erkennen ob eine Legasthenie vorliegt?“

Eine Legasthenie kann von Eltern in der Regel nur vermutet werden, offiziell festgestellt und bestätigt werden sollte sie unbedingt von Fachleuten. Dies können erfahrene Lehrkräfte sein, die sich in ihrer schulischen Laufbahn zu Legasthenieexperten weiterentwickelt haben. Eltern können sich aber auch an unabhängige Erziehungsberatungsstellen wenden, an den schulpsychologischem Dienst oder an freie psychologische Praxen. In der Regel wird dort nicht nur der Legasthenietest durchgeführt, sondern auch ein Intelligenztest, der sicherstellen soll, dass bei Ihrem Kind keine generelle Lernbehinderung vorliegt. In einem abschließenden Gespräch und einem schriftlichen Gutachten werden Sie über den Ausgang des Testverfahrens unterrichtet. Förderinstitute, die kostenlose Legasthenietests als praktische Werbung benutzen, sollten Sie möglichst meiden. Hier können Sie nicht sicher sein, ob die Testergebnisse objektiv sind.

„Welche Förderung braucht mein Kind? Was hilft wirklich?“

Da von einer Vielzahl unterschiedlicher Ursachen für Legasthenie ausgegangen wird, muss auch die Förderung diesem Ansatz gerecht werden. Eine sorgfältige Diagnostik und ein darauf aufbauender individueller Förderplan helfen Ihrem Kind am schnellsten. In der Schule ist diese Art der Förderung in der Regel nicht zu leisten. Aufgrund fehlender Fachkräfte wird die Förderung fast immer in relativ großen Gruppen angeboten. Ein individuelles Eingehen ist hier kaum möglich. Eine qualifizierte Lerntherapie in einer außerschulischen Einrichtung ist oft der effektivere Weg, kostet aber Geld.

„Verschwindet eine Legasthenie bei entsprechender Förderung im Laufe des Lebens?“

Eine Legasthenie ist eine Sprachentwicklungsstörung und verschwindet niemals vollständig. Mit guter Förderung ist es jedoch möglich, die Fähigkeiten eines Kindes enorm zu steigern und gleichzeitig sein Selbstbewusstsein zu stärken. Auf dieser Basis braucht Legasthenie kein lebenslanges Problem zu werden.