Fallbeispiel

Dyskalkulie in der Vorklasse – ein Förderverlauf

Ein 6jähriger Junge besucht die Vorklasse einer Grundschule. Aufgrund des Sindelar Baum Tests wird den Eltern empfohlen, das Kind vor der Einschulung in die erste Klasse zu fördern. Besonders auffällig sind das kindliche Verhalten und das absolute Desinteresse am Rechnen. Möglicherweise liegt hier eine Dyskalkulie vor. In der Lerntherapie werden innerhalb von 5 Monaten folgende Inhalte bearbeitet, die den Aufbau des Mengenbegriffs zum Ziel haben:

  • Zählen von 0 bis 10 anhand von vielfältigen Symbolen und Grafiken unter Einbeziehung der körperlichen Aktivität, z.B. malen, kneten, springen
  • Vorgänger und Nachfolger finden mit und ohne Visualisierungshilfe
  • Ähnlichkeiten finden, Gruppe bilden, z.B. Portraitfotos nach bestimmten Kriterien zu sortieren
  • Mengen aufteilen mit Kugeln, anhand des Klappenspiels, mit Stäbchen, etc.
  • einer Menge eine Zahl zuordnen, z.B. einem Bild mit 4 Kraken die Zahl 4 hinzufügen
  • Reihen und Muster fortführen
  • Kennenlernen von Dreieck, Viereck, Kreis
  • 0 bis 10 Felder eines Zehnerzahlenstrahles mit Aufklebern abkleben, dann fehlende Felder zählen
  • Memory mit Kärtchen, die Zahlen oder Mengen darstellen
  • Zählbilder malen, z.B. „Auf einer Wiese stehen 5 Bäume, daran hängen jeweils 3 Pflaumen





Verlauf der Therapie
„Anfangs war der Junge extrem verspielt und konnte sich nur sehr kurze Zeit konzentrieren. Er zog immer zuerst seine Schuhe aus und hüpfte dann auf den Stuhl. Rechnen interessierte ihn gar nicht. Ohne motivierendes Begleitmaterial war er nicht zum Mitarbeiten zu bewegen, sondern erzählte munter von seinem Tag. Manchmal verfiel er auch in Blödsinnsprache – möglicherweise ein Zeichen von Überforderung. Zur Motivation arbeitete ich anfangs mit Spielfiguren, die das Arbeiten des Jungen kommentierten oder ihn anspornten. Darauf ließ er sich ein. Nach einigen Terminen wurden diese Motivator überflüssig und wir konnten direkter miteinander umgehen.

Im Anschluss an jede Stunde fand ein kurzes Elterngespräch statt, in dem ich den Inhalt der Stunde erklärte und einen Auftrag für Zuhause mitgab, z.B. Dinge suchen, die rund sind – etwas mit 4 Ecken finden – ein Zählbild malen, etc. Diese wurden auch stets ausgeführt, die Eltern arbeiteten engagiert und interessiert mit. Den Ausprägungen einer Dyskalkulie sollte damit vorgebeugt werden.

Das Arbeitsverhalten des Jungen wurde langsam besser, er konnte sich zunehmend länger konzentrieren und auf die Aufgaben einlassen. Ein mathematisches Verständnis entwickelte sich jedoch nur lagsam. Die Vermutung auf eine vorliegende Dyskalkulie verhärtete sich. Nach 5 Monaten konnte er zwar Mengen abzählen, aber selbst einfachste Aufgaben wie 2 + 2 nicht eigenständig lösen, ohne zu zählen.
Nahm er für eine Aufgabe wie 3 + 2 seine Finger zu Hilfe (an jeder Hand die entsprechende Zahl) kam er trotzdem zu einem falschen Ergebnis. Er zählte dann einfach alle Finger.



     

Inzwischen ist ein weiteres halbes Jahr vergangen und der Junge besucht die erste Klasse seit einigen Monaten. Seit den Herbstferien macht er große Fortschritte. Mengen aufteilen, Rechenaufgaben bis 10 bewältigen, ein Vorstellungsverständnis für Mengen entwickeln und ein „ernsthaftes“ Arbeitsverhalten sind positive Ergebnisse der Lerntherapie.

— zwei Jahre später–

Aus dem verspielten Vorschüler ist ein Viertklässler geworden, der nach circa zwei Jahren Dyskalkulietherapie (bis Ende der 2. Klasse) in Mathematik auf einer sicheren 3 steht. Seiner Versetzung steht nichts im Weg.