Lesen lernen: So unterstützt du dein Kind beim Lesen

Lesen lernen

Als ich in die Schule kam, konnte ich es kaum erwarten, endlich selbst lesen zu können.

Ganze Nachmittage habe ich auf der Fensterbank mit einem Buch verbracht – besonders wenn es regnete oder meine Freundinnen und Freunde keine Zeit hatten. Und natürlich habe ich auch unter der Bettdecke gelesen.

Von den Abenteuern der „Schwarzen Sieben“ habe ich sogar nachts geträumt. Ein oder zwei dieser alten Bücher mit ihren vergilbten Seiten stehen heute noch ganz hinten in meinem Regal.

Bei meinen eigenen Söhnen war das Lesen schon viel stärker in Konkurrenz zu anderen Beschäftigungen. Heute kommen Smartphone, Videos, Games und soziale Medien noch dazu.

Aber eines hat sich nicht verändert: Lesen wird interessant, wenn ein Kind merkt, dass sich hinter den Buchstaben Geschichten, Wissen und eine ganz eigene Welt verbergen.
Mehr als Buchstaben

Was dein Kind beim Lesen eigentlich lernen muss

Lesen ist keine einzelne Fähigkeit. Mehrere Schritte müssen nach und nach zusammenspielen.

1

Buchstaben erkennen

Buchstaben und Buchstabenverbindungen werden mit den passenden Lauten verbunden.

2

Wörter entschlüsseln

Aus einzelnen Lauten und Silben entstehen Wörter, die dein Kind wiedererkennt.

3

Flüssiger lesen

Häufige Wörter und Wortteile werden zunehmend schneller erfasst.

4

Inhalte verstehen

Erst jetzt wird aus dem Entziffern echtes Lesen: Dein Kind versteht, was der Text sagt.

Lesen lernen geschieht Schritt für Schritt

Die Entwicklung verläuft nicht bei jedem Kind gleich schnell. Entscheidend ist weniger der Vergleich mit anderen als die Frage: Was gelingt schon – und wo wird es schwierig?

1

Buchstaben und Laute

Dein Kind erkennt Buchstaben und weiß zunehmend sicher, welcher Laut zu ihnen gehört.

2

Laute verbinden

Aus M – A wird „ma“. Das Zusammenschleifen der Laute ist für viele Leseanfänger zunächst anstrengend.

3

Silben und Wörter

Kurze Wörter gelingen, später werden auch längere Wörter in sinnvolle Einheiten zerlegt.

4

Sätze flüssiger lesen

Dein Kind muss nicht mehr jeden Buchstaben einzeln entschlüsseln und kann seine Aufmerksamkeit stärker auf den Inhalt richten.

5

Texte verstehen

Informationen werden miteinander verbunden, Schlussfolgerungen gezogen und eigene Gedanken zum Text entwickelt.

Lesen können und Gelesenes verstehen sind nicht dasselbe

Ein Kind kann einen Text erstaunlich flüssig vorlesen und trotzdem kaum wissen, worum es darin ging. Umgekehrt kann langsames Lesen den Blick auf den Inhalt erschweren.

Lesetechnik

Wie sicher erkennt dein Kind Buchstaben, Silben und Wörter? Liest es stockend, lässt es Endungen aus oder ersetzt es Wörter?

Textverständnis

Kann dein Kind nach dem Lesen erzählen, was passiert ist? Erkennt es wichtige Informationen und versteht es Zusammenhänge?

Deshalb hilft „Lies einfach mehr!“ nicht immer. Zuerst solltest du herausfinden, welcher Teil des Lesens deinem Kind eigentlich Schwierigkeiten macht.
Genau hinschauen

Wo hakt es beim Lesen?

Beobachte dein Kind einmal bei einem kurzen, noch unbekannten und nicht zu schwierigen Text. Du musst dabei keine Fehler zählen.

Kennt es die Buchstaben sicher?

Kann es Laute und Silben verbinden?

Liest es Wörter vollständig oder errät es manche?

Beachtet es Wortendungen?

Korrigiert es sich selbst, wenn etwas keinen Sinn ergibt?

Kann es anschließend erzählen, worum es ging?

Das zeigt dir viel mehr als die Frage, ob dein Kind im Vergleich zu anderen „schnell genug“ liest.

Lesen üben, ohne dass es immer nach Üben aussieht

Lesen begegnet deinem Kind überall. Gerade bei Kindern mit wenig Leselust lohnt es sich, diese kleinen Gelegenheiten zu nutzen.

Beim Kochen

Eine Zutat oder den nächsten Schritt im Rezept vorlesen lassen.

Beim Spielen

Spielkarten, kurze Regeln oder Aufgaben gemeinsam lesen.

Unterwegs

Schilder, Fahrpläne, Speisekarten oder Hinweise entdecken.

Bei Hobbys

Texte über Fußball, Tiere, Games, Pferde oder Technik zählen genauso.

Mit Nachrichten

Eine kurze Nachricht, einen Einkaufszettel oder einen kleinen Auftrag lesen.

Mit Büchern

Gemeinsam lesen, abwechseln und ruhig weiterhin vorlesen.

Lieber kurz und regelmäßig

Müssen es wirklich jeden Tag 10 Minuten sein?

Auf meiner alten Seite habe ich sehr deutlich für tägliches zehnminütiges Lesen plädiert. Die Grundidee dahinter bleibt richtig: Regelmäßige kurze Übung ist meist hilfreicher als seltene lange Lesesitzungen.

Aber aus zehn Minuten sollte kein täglicher Machtkampf werden. Wie lange sinnvoll ist, hängt vom Alter, der Lesefähigkeit, der Tagesform und vom gewählten Text ab.

2 Minuten mit etwas Einfachem beginnen
5 Minuten gemeinsam oder selbst lesen
2 Minuten über den Inhalt sprechen
„Ein kurzer Text, den dein Kind bewältigt, ist oft wertvoller als mehrere Seiten, durch die es sich nur noch hindurchquält.“

Lesenlernen braucht Übung – aber auch Erfolgserlebnisse

Ein Kind bleibt eher am Lesen dran, wenn die Texte zu ihm passen, es Fortschritte bemerkt und Lesen nicht jeden Tag zum Konflikt wird. Hier passt ein Video zum Lesenlernen, zur Leseförderung oder zur Lesemotivation.

„Ich will nicht lesen!“

Wenn dein Kind keine Lust aufs Lesen hat

Hinter fehlender Leselust steckt nicht automatisch Bequemlichkeit. Manchmal ist Lesen schlicht noch so anstrengend, dass dein Kind dabei kaum Freude erleben kann.

Das kann hinter Lesefrust stecken

Der Text ist noch zu schwierig.

Das Thema interessiert dein Kind nicht.

Das Lesen kostet sehr viel Konzentration.

Dein Kind erlebt häufig Misserfolge.

Es fühlt sich mit anderen Kindern verglichen.

Lesen ist fast nur noch mit Schule und Üben verbunden.

Das kannst du verändern

einfacheren Lesestoff ausprobieren

Interessen deines Kindes zum Ausgangspunkt machen

Comics und kurze Texte erlauben

abwechselnd vorlesen

kleine Fortschritte sichtbar machen

auf Tempo- und Leistungsvergleiche verzichten

6 einfache Ideen für zu Hause

Du brauchst kein kompliziertes Trainingsprogramm. Wichtiger ist, dass die Übung zu der Schwierigkeit deines Kindes passt.

1. Gemeinsam lesen

Lies einen Abschnitt vor und lass dein Kind anschließend einen kürzeren Teil übernehmen.

2. Schwierige Wörter zerlegen

Lange Wörter in Silben oder bekannte Wortteile zerlegen, statt sie immer wieder komplett zu versuchen.

3. Inhalt nacherzählen

Nach einem kurzen Abschnitt fragen: „Was ist gerade passiert?“

4. Fehler selbst entdecken lassen

Nicht jedes falsche Wort sofort vorsagen. Manchmal reicht: „Passt das zu dem Satz?“

5. Interessanten Stoff wählen

Ein Fußballtext, Comic oder Tierbuch kann für das Lesenlernen wertvoller sein als ein ungeliebter Kinderroman.

6. Rechtzeitig aufhören

Beende die Übung möglichst, bevor aus Konzentration Frust und Streit werden.

Leseschwierigkeiten

Wann solltest du genauer hinschauen?

Kinder entwickeln ihre Lesefähigkeit unterschiedlich schnell. Ein langsamer Start bedeutet deshalb nicht automatisch, dass eine Lese- oder Rechtschreibstörung vorliegt.

Aufmerksam würde ich werden, wenn Schwierigkeiten deutlich und über längere Zeit bestehen bleiben – zum Beispiel wenn dein Kind trotz passender Übung kaum Fortschritte macht, das Lesen ungewöhnlich anstrengend bleibt oder es Wörter immer wieder stark verändert beziehungsweise errät.

Auch wenn dein Kind zwar vorlesen kann, aber regelmäßig nicht weiß, was es gerade gelesen hat, lohnt sich ein genauerer Blick.

Mein Rat: Sprich zunächst mit der Lehrkraft und vergleicht eure Beobachtungen. Bei ausgeprägten oder anhaltenden Schwierigkeiten kann anschließend eine fachliche Abklärung sinnvoll sein.

Wenn du erst einmal selbst genauer beobachten möchtest, findest du auf Lernfoerderung.de einen Lesetest zur Orientierung.

Zum Lesetest →
Direkt üben

Lesetraining für Leseanfänger

Wenn dein Kind beim Entschlüsseln von Wörtern noch unsicher ist, kann gezieltes, einfaches Lesematerial den Einstieg erleichtern.

Leichter lesen lernen

Das E-Book enthält spielerische Leseübungen ab Klasse 1 mit lauttreuem Wortmaterial. Die Übungen verbinden Lesen unter anderem mit Mal-, Rate- und Bewegungsideen.

Gerade am Anfang kann einfaches Material helfen, damit dein Kind nicht bei jedem zweiten Wort ins Stocken gerät.

Lesematerial ansehen →

Lesenlernen ist kein Wettrennen

Manche Kinder verschlingen früh Bücher, andere brauchen wesentlich länger, bis aus dem mühsamen Entschlüsseln von Buchstaben flüssiges Lesen wird. Entscheidend ist, herauszufinden, was dein Kind gerade braucht.

Passende Texte, kurze regelmäßige Übung, Geduld und viele kleine Erfolgserlebnisse können dabei mehr bewirken als Druck und ständiges Vergleichen.

Beobachten → Schwierigkeit erkennen → passend üben → verstehen → Lesesicherheit gewinnen