So ungerecht sind Diktate in Deutschland

Warum Diktate Schulkinder und Lehrkräfte verrückt machen

Unsicherheit, Angst vor dem Versagen, Zeitdruck und Notenstress sind demotivierende und frustrierende Auswirkungen beim Schreiben von Diktaten. In der neueren Pädagogik haben Diktate in Klasse 3 oder 4 keinen Platz mehr, deshalb werden sie in der Lehrerausbildung auch nicht mehr empfohlen. Da sollte man doch meinen, dass sich alle Schulen Deutschlands diesen Erkenntnissen unterordnen und die Diktate zum Wohle ihrer Schülerinnen und Schüler abschaffen.

Diktate fallen Sebastian richtig schwer.

Chaos und Durcheinander beim Umgang mit Diktaten

Doch weit gefehlt. In manchen Bundesländern werden Diktate nicht mehr geschrieben, in anderen können einzelne Schulen frei entscheiden und in manchen ist das Schreiben von Diktaten ganz normaler Bestandteil des Unterrichts, meistens in der Grundschule. Es ist also eine reine Glückssache, ob Schülerinnen und Schüler im Unterricht ein Diktat in Klasse 3 oder in Klasse 4 schreiben müssen oder nicht. Je nach Wohnort, Ausbildung der Lehrkräfte oder Konzept der Schule sind Diktate entweder erlaubt oder verboten.

Benotung und Umfang sind krass verschieden

Und damit ist es noch nicht genug. Selbst dort, wo die umstrittenen Leistungsüberprüfungen geschrieben werden, sind sowohl die Benotung als auch der Umfang vollkommen unterschiedlich. Auch hängt es vom einzelnen Pädagogen ab, ob Diktate geübt werden oder nicht und ob sie Lernwörter enthalten oder nicht. Viele Lehrkräfte setzen auf kombinierte Arbeiten, bei denen kleine Diktate mit anderen Testformen gemischt werden.

In Bayern gehören Diktate zum Standard

Obwohl der Lehrplan Diktate vorsieht, gibt es durchaus Lehrerinnen und Lehrer in Bayern, an deren Schulen Diktate nicht mehr geschrieben werden. In Niedersachsen sollen auch keine reinen Diktate mehr geschrieben werden und auch in Rheinland-Pfalz, in Thüringen oder im Saarland verschwinden Diktate immer mehr aus dem Unterricht. Rechtschreibung, Regel und Strategie Verständnis können auch durch andere Formate getestet werden, so die Begründung.

Beispiel Bayern: Lehrplan plus

Die Rechtschreibleistungen der Schülerinnen und Schüler werden in regelmäßigen Abständen von der Lehrkraft in pädagogischer Verantwortung erhoben und bewertet. Das Diktat stellt eine mögliche Form der Leistungserhebung im Lernbereich Richtig schreiben dar.

Beim klassischen Diktat wird das Richtigschreiben eines unbekannten Textes verlangt. Es handelt sich um einen kompetenzorientierten Aufgabentypus, wenn das durch die Vermittlung von Strategien erworbene Rechtschreibwissenim Diktattext von den Schülerinnen und Schülern umgesetzt werden kann. Quelle: Lehrplan plus, Bayern

Diktate schreiben
Die vielen Variationen der Fehlerquote

Ebenso unterschiedlich wie die grundsätzliche Handhabung von Diktaten ist auch die Benotung. Manche Lehrerinnen und Lehrer setzen eine Fehlerquote von 25 % an, also 2,5 Fehler auf zehn Wörter gibt die Note vier. Andere Grundschulen haben hingegen eine Quote von 10 % bis 15 %.

Beispiel Berlin: so werden hier Diktate in Klasse 3 bewertet

Wörter / Note 1 2 3 4 5 6
30 0-1
100% – 96,6%
2-3
93,3 % -90%
4-6
86,6 % – 83,3%
7-9
76,6 % – 70%
10-13
66,6 % – 56,6%
ab
14 % – 53,3%
40 0-1   2-3 4-6 7-9 10-13 ab 14
50 0-1
100 % – 96,6%
2-4
93,3 % -86,6%
5-7
83,3 % – 70%
8-11
73,3 % – 63,3%
12-15
60% – 50%
ab 16 46,3%
60 0-1 2-4 5-8 8-13 14-18 ab 19

In anderen Bundesländern oder Schulen wird ganz anders bewertet

Note ermitteln durch den Fehlerquotienten

Bis 95%  richtig = 1

Bis 80%  richtig = 2

Bis 65%  richtig = 3

Bis 45%  richtig = 4

Bis 25%  richtig = 5

Unter 25%  richtig = 6

Der Umfang von Diktaten variiert von Schule zu Schule

Auch der Umfang der Diktate in den einzelnen Klassenstufen ist sehr unterschiedlich. In Klasse 3 sind es mal 50, mal 60 und mal 70 Wörter, in Klasse 4 entweder 60 oder 70 oder 80 oder 90 Wörter.

Das Arbeitsverhalten der Schülerinnen und Schüler hat sich verändert

So unterschiedlich der Umgang mit Diktaten in Deutschlands Schulen ist, so einig sind sich die Lehrkräfte. Nicht nur, dass sich die Rechtschreibung dramatisch verschlechtert hat, auch ist die Konzentrationsfähigkeit der Schülerinnen und Schüler weiterhin im Sinkflug begriffen. Oft können sich die Kinder keine drei Wörter merken und fragen ständig nach, wie der Text des Diktats lautet. Auch reines Abschreiben gelingt vielen nicht mehr fehlerfrei.

Diktate scheinen ein Auslaufmodell zu sein, machen sie doch nur enormen Leistungsdruck und haben wenig Anteil daran, die Rechtschreibung zu verbessern. Das Trainieren spezieller Rechtschreibphänomene, dass langsame Heranführung an die Rechtschreibregeln sowie Übungen und Aufgaben mit einem hohen Erfolgserlebnis sind ein guter Weg, um die Motivation der Kinder zu stärken.

Wer im Alltag kaum noch selber schreibt und auch immer weniger liest, braucht starke Anreize, um diese Kernkompetenz zu erwerben. Kinder, die aus Langeweile zum Buch greifen oder sich mit dem Schreiben eines Briefes beschäftigen, gibt es kaum noch. Hier muss Schule der Realität Rechnung tragen und auf die veränderten Gewohnheiten von Jungen und Mädchen eingehen. Mit Diktaten gelingt dies vermutlich nicht.