Übertritt – Gymnasium oder doch lieber nicht? Checkliste

Der Übertritt auf die weiterführende Schule beschäftigt Familien sehr. Viele Eltern wünschen sich für ihr Kind den Besuch eines Gymnasiums. Das Abitur gilt noch immer als Eintrittskarte für ein Studium an der Universität oder für eine andere qualifizierte Berufsausbildung. Doch längst nicht alle Kinder schließen die gymnasiale Schullaufbahn auch mit dem Abitur ab, rund 10 % der Schüler*innen wechseln noch während der Sekundarstufe I in eine andere Schulform. Andere brechen die Schule nach der 10. Klasse ab, machen das Fachabitur oder wechseln auf eine andere (Fach)-schule.

Was sollte ein Kind für das Gymnasium mitbringen?

Durch die frühe Festlegung auf eine Schulform ist es für Eltern, Lehrer*innen und Schüler*innen nicht einfach zu entscheiden, wie der individuell passende Übertritt aussieht – Fehlentscheidungen kommen immer wieder vor. Diese Fehlentscheidungen sind oft nicht dramatisch, können aber im Einzelfall die Psyche eines Kindes stark beeinträchtigen. Daher ist es wichtig und sinnvoll, dass Eltern schon im Vorfeld genau abklären, welche Schulform für ihr Kind die beste sein könnte. Das Lernverhalten und die Noten in der Grundschule sind die Basis für diese Entscheidung.

Übertritt – wer kommt aufs Gymmi?

Eltern und Lehrer*innen entscheiden den Übertritt gemeinsam

Selbstverständlich wollen alle Eltern für ihr Kind den bestmöglichen Bildungsweg wählen. In den meisten Fällen sind sich Eltern und Lehrkräfte auch einig, und die Entscheidung für eine bestimmte Schulart ist kein großes Problem:

  • Das Arbeitsverhalten und die Soft Skills eines Kindes,
  • seine Noten und Leistungen sowie
  • die Einschätzung der Eltern und Lehrkräfte

ergeben ein einheitliches Bild. Doch wer entscheidet im Zweifelsfall, wo ein Kind am besten aufgehoben ist? Sind hier die Lehrkräfte die Experten, die Eltern oder vielleicht sogar das Kind selber? Jede Sichtweise zieht verständlicherweise ihre eigenen, subjektiven Rückschlüsse nach sich. Doch welche Meinung ist die ausschlaggebende? Und nicht nur die Schulform beim Übertritt , sondern auch die Erreichbarkeit der Schule, die Wünsche der Freundinnen und Freunde und die verschiedenen Auswahlverfahren werden letztlich dazu beitragen, eine Entscheidung zu treffen

Warum gute Noten nicht immer reichen

Noten beziehen sich immer auf eine bestimmte Lerngruppe. Ist also die Lerngruppe eher leistungsschwach, ist eine „2“ womöglich Ausdruck einer weniger guten Leistung als eine „3“ in einem sehr leistungsstarken Umfeld. Auch das Benotungssystem des Lehrers ist hier von Belang.

Wichtig ist deshalb immer, zu wissen, wie eine bestimmte Note zustande gekommen ist:

  • Musste Ihr Kind sehr fleißig lernen, um diese Noten zu bekommen?
  • Brauchte es womöglich sogar Nachhilfe?
  • Ist die Lehrerin, der Lehrer sehr großzügig mit guten Noten?
  • Hat das Kind ohne große Mühe diese Zensuren erreicht?

Sehen Sie Zensuren also durchaus kritisch für den Übertritt. Das gilt natürlich auch für schlechtere Noten: Sind diese Ihrer Ansicht nach gerechtfertigt? Sprechen Sie am besten mit den Grundschullehrer*innen Ihres Kindes und prüfen Sie, ob Sie deren Erläuterungen plausibel finden und die Zensuren so nachvollziehen können. Neben den Noten sollte für die Schulwahl das Maß an Selbständigkeit, Interesse und Leistungsbereitschaft eines Schülers entscheidend sein.

Ob ich das Gymnasium wirklich schaffen kann?

Hat Ihr Kind “das Zeug” fürs Gymnasium – 7 Fragen

1. Wie fasst mein Kind Neues auf?

Je mehr ein Kind in einer weiterführenden Schule lernen muss, desto besser muss seine Auffassungsgabe sein, um den Lernstoff aufnehmen zu können.
Beobachten Sie bitte:

  • Wie schnell versteht mein Kind Anweisungen für häusliche Tätigkeiten oder Besorgungen?
  • Findet es selbstständig Lösungen für Probleme, die im täglichen Leben auftreten?
  • Kann es neue Informationen mit schon Bekanntem in Verbindung bringen?
  • Wie viel Hilfe benötigt es, um neuen Unterrichtsstoff aus der Schule (z.B. neue Sachaufgaben in Mathematik) umsetzen zu können?

2. Wie gut ist das Gedächtnis meines Kindes?

Die Merkfähigkeit des Gedächtnisses ist bei Menschen unterschiedlich ausgeprägt.
Deshalb sollten Sie beobachten:

  • Wie schnell lernt mein Kind auswendig z.B. Gedichte, Liedtexte,……..?
  • Wie gut kann es das Gelernte nach längerer Zeit wiedergeben?
  • Wie viel Übung benötigt es zum Erlernen neuen Unterrichtsstoffes z.B. Rechtschreibregeln, Rechenvorgänge…?
  • Wie viel kann es vom Unterricht in Sachkunde, von Lesetexten …. zu Hause erzählen?

  3. Welchen sprachlichen Entwicklungsstand hat mein Kind?

Je nach Schulart steht entweder das anschaulich-praktische Lernen oder das Lernen über die Sprache im Vordergrund. Besonders am Gymnasium werden hohe Anforderungen an die Sprachfähigkeit gestellt. Der Stand der Sprachentwicklung in der Klasse 4 lässt Rückschlüsse auf die Fähigkeit des Erlernens von Fremdsprachen zu.
Beobachten Sie deshalb genau:

  • Wie groß ist der Wortschatz? (Kennt Ihr Kind viele Körperteile, die Gegenstände des Haushalts, Teile des Fahrrads/des Autos, verschiedene Ausdrücke für „gehen“ oder „sprechen“……?)
  • Wie erklärt es Sachverhalte? Verwendet es dabei passende Wörter oder nichts sagende Bezeichnungen wie „Dings“ oder ähnliches?
  • Wie erzählt es von Erlebnissen?  Sind es Dann-und-dann-Geschichten?
  • Wie gut liest das Kind vor? (flüssig, spannend, eintönig……)
  • Wie berichtet es von gelesenen/im Fernsehen gesehenen Geschichten, Ereignissen, Filmen……?
  • Wie sicher schreibt es? ( Rechtschreibung, richtiger Satzbau, richtige Grammatik, passende Wortwahl…)
  • Wie flüssig und leserlich schreibt das Kind?

4. Wie lernt und arbeitet mein Kind?

Ein angemessenes Arbeitsverhalten ist mitentscheidend für den Schul- und Berufserfolg. Es ist besonders wichtig beim Übertritt auf ein Gymnasium, da hier viel Selbstständigkeit gefordert wird. Die Begabung allein ist keine Garantie für einen guten Schulabschluss.
Beobachten Sie weiter:

  • Wie selbständig arbeitet es? (z.B. bei der Mithilfe im häuslichen Bereich, beim Erledigen der Hausaufgaben….)
  • Wie ausdauernd kann es bei einer Arbeit bleiben?
  • Wie zuverlässig erledigt es (ungeliebte) Arbeiten? (z.B. Pflege des Haustieres, übertragene Aufgaben im Haushalt, Einkäufe…..)
  • Wie sorgfältig arbeitet es? (z.B. Heftführung, Ausarbeitung/Ausschmückung von Zeichnungen in Kunst, Sachkundemappen, Referate……)
  • Wie geht es mit Arbeitsmaterial um?

5. Wie konzentrationsfähig ist mein Kind?

Von der Konzentrationsfähigkeit hängt ab, wie lange ein Kind im Unterricht „bei der Sache bleiben“ und mitlernen kann, in welcher Zeit es z.B. Übungsaufgaben in der Schule oder zu Hause erledigt. Die altersgemäße Konzentrationszeit in der Klasse 3 und 4 beträgt ca. 20 – 25 Minuten bis zur ersten Pause.

Beobachten Sie deshalb bitte:

  • Wie lange bleibt das Kind bei der Sache (im Spiel, beim Zuhören, beim Erledigen der Hausaufgaben)?
  • Wie reagiert es auf Störungseinflüsse? (Lärm, Ereignisse, Ablenkbarkeit)
  • Kann das Kind auch „langweilige“ Aufgaben konzentriert erledigen?
  • Das Lernen hängt stark vom Wohlbefinden in der Lerngemeinschaft ab. Sowohl Kontaktängste (z.B. vor neuen Lehrkräften) als auch Anpassungsschwierigkeiten (ständiger Streit mit anderen Kindern) erschweren ihm das Lernen.

6. Wie verhält sich mein Kind in der Gemeinschaft?

In der Schule ist Teamfähigkeit gefragt, besonders für das Arbeiten in Gruppen an Projekten. Je selbstständiger Kinder lernen und arbeiten, desto höher sollte ihre Fähigkeit zur Gruppenarbeit sein. Hier bekommen sie Unterstützung und Hilfe von Gleichaltrigen aber nur, wenn sie diese auch einfordern können.

  • Wie sind Kontakte zu Kindern in der Familie, der Nachbarschaft und in der Klasse? (Erkundigungen bei Lehrkräften einholen, Zeugnisbeurteilung beachten!)
  • Wie knüpft das Kind Kontakte zu Erwachsenen?
  • Wie verhält es sich in besonderen Situationen (Geburtstagsfeiern, Feste im Verwandten- und Bekanntenkreis, im Urlaub….)?
  • Wie sicher beherrscht es übliche Höflichkeitsformen (grüßen, etwas erbitten, sich bedanken, sich entschuldigen, nachfrage..)?

7. Wie belastbar ist mein Kind?

Die neuen Bedingungen an den weiterführenden Schulen (weiter Schulweg, Bus fahren, größere Klassen, mehr Lehrkräfte, zusätzliche Fächer,….) stellen hohe Anforderungen an die körperlichen und seelische Belastbarkeit. Überbelastung kann zu gesundheitlichen Problemen und/oder Verhaltensauffälligkeiten und damit zu Lernerschwernissen bei Ihrem Kind führen.
Beobachten Sie bitte:

  • Welche Reaktionen zeigt das Kind vor besonderen Ereignissen (z.B. vor Wettkämpfen im Sportverein, vor Theater- oder musikalischen Auftritten, vor größeren Reisen, vor Klassenarbeiten…….)?
  • Wie stabil ist seine Gesundheit? Muss damit gerechnet werden, dass gesundheitliche Probleme zu längeren Fehlzeiten und häufigem „Nachlernen“ führen?
  • Wie groß ist das Durchhaltevermögen (z.B. bei körperlicher Anstrengung, beim Üben mit einem Musikinstrument, o .ä. )?
Austausch und Gespräche helfen beim Einschätzen

Wenn man noch keine Erfahrung mit Geschwisterkindern an weiterführenden Schulen hat und eine Unsicherheit hinsichtlich der Einschätzung der Leistungsfähigkeit des eigenen Kindes besteht,

  • hilft vielleicht ein Gespräch mit Eltern, die bereits über Erfahrungen in und mit weiterführenden Schulen verfügen.
  • Beobachten Sie Ihr Kind beim gemeinsamen Spiel oder bei der Erledigung der Hausaufgaben mit Klassenkameraden oder Kindern aus der Verwandtschaft oder Nachbarschaft.
  • Beteiligen Sie sich an Gesprächen mit Klassenkameraden Ihrer Kinder und achten Sie darauf, wie sie erzählen und erklären.

Hier hilft allerdings nur eine ehrliche Beobachtung und Einschätzung.

Die letzte Entscheidung bei der Wahl der weiterführenden Schule haben Sie als Eltern!


Messen Sie Ihren Beobachtungen einen besonders hohen Stellenwert bei, wenn Ihr Kind mit den Noten im „Grenzbereich“ zwischen zwei Schularten (Gymnasium oder Oberschule oder Realschule? – Realschule IGS oder Hauptschule?) liegt.

Wenn bei Ihnen die positiven Einschätzungen hinsichtlich des Lernverhaltens Ihres Kindes überwiegen, verringert sich das Risiko, dass Ihr Kind an einer Schule mit höheren Lernanforderungen überfordert wird.

Umgekehrt – wenn also eher die negativen Einschätzungen überwiegen – verbessern Sie die Schulerfolgschancen Ihres Kindes für die Zukunft, wenn Sie dann unbedingt die Schulart mit den geringeren Anforderungen wählen!