Viele Eltern teilen Fotos ihrer Kinder online, ohne lange darüber nachzudenken. Ein süßes Bild aus dem Urlaub, ein lustiger Schnappschuss vom Frühstück oder ein stolzer Post zum ersten Schultag wirken zunächst harmlos. Doch genau für dieses Verhalten gibt es inzwischen einen eigenen Begriff: Sharenting. Damit ist gemeint, dass Eltern oder andere Erziehende Bilder, Videos oder persönliche Informationen über Kinder im Internet veröffentlichen. klicksafe erklärt den Begriff genauso: Er setzt sich aus „share“ und „parenting“ zusammen und beschreibt das öffentliche Zugänglichmachen von Kinderinhalten durch Eltern.
Unicef und Kinderhilfswerk warnen
Sharenting ist ein relativ neues Problem. Nicht, weil Eltern früher weniger stolz auf ihre Kinder gewesen wären, sondern weil digitale Öffentlichkeit heute völlig anders funktioniert als früher. Ein Foto im Familienalbum blieb im Haus. Ein Bild auf Instagram, Facebook oder im WhatsApp-Status kann kopiert, weitergeleitet, gespeichert oder per Screenshot festgehalten werden. Das Deutsche Kinderhilfswerk und UNICEF weisen beide darauf hin, dass beim Teilen von Kinderfotos die Privatsphäre, Würde und Mitbestimmung des Kindes beachtet werden müssen.
Was bedeutet Sharenting genau?
Sharenting beschreibt nicht nur das Posten von Fotos. Auch Videos, peinliche Geschichten, Gesundheitsinformationen oder persönliche Details über ein Kind können dazugehören. UNICEF beschreibt Sharenting als das Teilen von Inhalten über Kinder durch Erwachsene im digitalen Raum und warnt vor den damit verbundenen Risiken für Privatsphäre und Sicherheit. Das Deutsche Kinderhilfswerk hat 2025 sogar einen eigenen Ratgeber zum verantwortungsvollen Umgang mit Kinderfotos und Kindervideos veröffentlicht, der sich ausdrücklich an Erziehende richtet.
Wichtig ist: Nicht jeder geteilte Inhalt ist automatisch gleich schwerwiegend. Aber jedes veröffentlichte Bild trägt dazu bei, dass ein digitales Profil des Kindes entsteht, bevor das Kind überhaupt selbst darüber entscheiden kann. Genau das macht Sharenting so sensibel. Das Deutsche Kinderhilfswerk betont, dass Kinder immer gefragt werden sollten und dass ihr Nein respektiert werden muss. Allerdings können Kinder die Folgen geteilter Bilder im Netz nicht übersehen. In der Regel müssen die Eltern diese Entscheidung verantwortungsbewusst treffen.
Warum Sharenting problematisch sein kann

1. Kinder verlieren die Kontrolle über ihre digitale Identität
Kinder haben ein Recht darauf, selbst mitzubestimmen, welche Bilder und Informationen von ihnen im Netz auftauchen. Wenn Erwachsene dauerhaft Inhalte über sie veröffentlichen, entsteht eine digitale Spur, die das Kind nicht selbst gewählt hat. UNICEF empfiehlt deshalb ausdrücklich, die Ansichten des Kindes zu respektieren und das Thema auch als Frage von Einwilligung und Privatsphäre zu behandeln.
2. Einmal online ist nur schwer wieder rückgängig zu machen
Viele Eltern denken, ein Bild sei „nur für Freunde“ sichtbar. In der Praxis sind Reichweite und Weiterverbreitung aber oft schwer kontrollierbar. Das BKA warnt, dass frei verfügbare Kinderbilder aus dem Internet nicht mehr zuverlässig zurückgeholt werden können. Auch die Polizei-Beratung rät dazu, Kinderfotos grundsätzlich nicht unbedacht in sozialen Medien oder Statusmeldungen zu posten.
3. Bilder können missbräuchlich verwendet werden
Das ist einer der unangenehmsten, aber wichtigsten Punkte. Das BKA warnt im Rahmen seiner Kampagne „Kinderbilder gehören nicht ins Netz“ ausdrücklich davor, dass Kinderfotos missbräuchlich genutzt werden können. klicksafe weist außerdem darauf hin, dass Alltagsaufnahmen von Kindern in sexualisierte oder entwürdigende Zusammenhänge gezogen werden können.
4. Peinliche oder intime Inhalte können später belasten
Was Erwachsene lustig oder niedlich finden, kann für Kinder später beschämend sein. Die Polizei-Beratung empfiehlt ausdrücklich, keine Bilder in peinlichen, unangemessenen oder intimen Situationen zu veröffentlichen. Das Deutsche Kinderhilfswerk rät ebenfalls dazu, sich vor jedem Post zu fragen, ob das Kind das Bild selbst später gut finden würde.
Sharenting und Kinderrechte
Das Thema Sharenting ist nicht nur eine Geschmacksfrage. Es berührt Kinderrechte. Das Deutsche Kinderhilfswerk formuliert klar, dass Datenschutz und der Schutz der Privatsphäre Grundvoraussetzungen für die Rechte von Kindern im digitalen Raum sind. Wenn Erwachsene Inhalte über Kinder veröffentlichen, geht es deshalb nicht nur um Familiengewohnheiten, sondern auch um Persönlichkeitsrechte und Schutzrechte.
Dass die Diskussion an Bedeutung gewinnt, zeigt auch die Entwicklung beim Deutschen Kinderhilfswerk: 2025 wurde ein neuer Ratgeber speziell zum Thema Sharenting veröffentlicht, und bereits Ende 2024 verwies das Kinderhilfswerk auf ein Rechtsgutachten, wonach die Veröffentlichung von Kinderfotos und Kindervideos auf Social-Media-Plattformen im Einzelfall sogar als Kindeswohlgefährdung bewertet werden kann.
Warum viele Eltern trotzdem sharenten
Die Motive sind meistens verständlich. Eltern möchten Freude teilen, Familie einbeziehen, Erinnerungen festhalten oder besondere Momente dokumentieren. Eltern und Bezugspersonen teilen oft aus Liebe, Stolz und dem Wunsch nach Verbindung mit anderen. Problematisch wird es dann, wenn gute Absichten die Risiken verdecken.
Gerade weil Sharenting oft liebevoll gemeint ist, fällt es vielen Eltern schwer, kritisch auf das eigene Verhalten zu schauen. Umso wichtiger ist ein bewusster Umgang mit Kinderfotos und Kindervideos.
Woran Eltern erkennen, dass ein Post keine gute Idee ist
Ein geplanter Post ist meist keine gute Idee, wenn mindestens eine dieser Fragen mit Ja beantwortet wird:
- Wäre das Bild dem Kind später wahrscheinlich unangenehm?
- Ist das Kind erkennbar?
- Zeigt das Bild eine emotionale, intime oder verletzliche Situation?
- Werden Ort, Schule, Alltag oder Routinen des Kindes leicht erkennbar?
- Hat das Kind nicht zugestimmt oder wurde gar nicht gefragt?
- Würde ich wollen, dass so ein Bild von mir online steht?
Diese Vorsicht entspricht den Empfehlungen von UNICEF, klicksafe, Polizei-Beratung und dem Deutschen Kinderhilfswerk, die alle dazu raten, Kinder einzubeziehen, Privatsphäre-Einstellungen zu prüfen und im Zweifel lieber nicht zu posten.
So können Eltern verantwortungsvoll mit Sharenting umgehen
Sharenting lässt sich nicht nur durch Verbote vermeiden, sondern vor allem durch bewusstes Handeln. Sinnvoll ist es,
- Kinder möglichst früh nach ihrer Meinung zu fragen,
- keine peinlichen oder intimen Inhalte zu posten,
- Privatsphäre-Einstellungen regelmäßig zu prüfen,
- Bilder nicht öffentlich, sondern höchstens in sehr kleinen, abgesprochenen Kreisen zu teilen,
- und im Zweifel auf das Posten ganz zu verzichten.
UNICEF empfiehlt außerdem, die digitale Privatsphäre der Familie regelmäßig zu überprüfen, weil Plattformen und Einstellungen sich verändern können.
Sharenting ist mehr als nur ein schneller Familienpost
Sharenting klingt zunächst wie ein modernes Medienwort. Tatsächlich beschreibt es aber ein ernstes Thema: Erwachsene entscheiden oft für Kinder, welche Bilder, Videos und Informationen über sie online erscheinen. Das kann die Privatsphäre verletzen, Risiken schaffen und die Selbstbestimmung des Kindes untergraben. Darauf weisen unter anderem UNICEF, klicksafe, das Deutsche Kinderhilfswerk, die Polizei-Beratung und das BKA hin.
Eltern müssen deshalb nicht perfekt sein, aber bewusst handeln. Die wichtigste Frage lautet nicht: „Ist dieses Bild süß?“ Die wichtigere Frage ist: „Ist es fair und sicher, dieses Bild für mein Kind online zu teilen?“
