11jähriger spuckt – und wird vom Unterricht suspendiert, geht´s noch?

Vom Unterricht suspendiert

Gerade erst wurden in der Schweiz ein 8jähriger Junge und seine Eltern von der Polizei vernommen, weil er mit Spielgeld in einem Kiosk bezahlen wollte. Das chinesische „Totengeld“ hatte er auf der Straße gefunden. Jetzt wurde in Deutschland ein 11jähriges Kind mit ADHS vom Unterricht suspendiert, weil der Junge ein anderes Kind angespuckt hatte.

Grenzen der Bestrafung

Mal vorausgesetzt, es handelt sich bei diesen Meldungen nicht um Erfindungen oder Provokationen aus der Social-Media-Welt (was man ja dieser Tage nie so genau weiß), halte ich die pädagogischen Maßnahmen für total überzogen. Leute, was ist los? Habt ihr nichts Besseres zu tun? Klan-Kriminalität? Illegale Autorennen? Sexueller Missbrauch? Steuerhinterziehung im großen Stil? Umweltsünder?

Kinder streiten sich nunmal

Dass Kinder sich in der Schule streiten, ist doch nichts Ungewöhnliches. Sich mit anderen auseinanderzusetzen, Konflikte auszutragen und individuelle Lösungswege auszuprobieren. Das war so vor Corona, das ist jetzt so und das wird auch in Zukunft so bleiben. Natürlich ist es nicht schön, wenn ein Kind spuckt. Aber es ist eine vollkommen andere Dimension als seiner Aggressivität freien Lauf zu lassen und den Gegner zu treten, zu boxen, an den Haaren zu ziehen, zu ohrfeigen oder anders körperlich anzugehen. Vermutlich ist es sogar von den Betroffenen Kind eine großartige Leistung, seine Wut im Zaum zu halten.

Spucken ist nicht toll, aber bei Kindern ein legaler Ausweg

Wer schon einmal selber geärgert, gemobbt oder provoziert worden ist, weiß genau, wie schwierig es in so einem Moment ist, seine Gefühle zu kontrollieren. Immer wieder gehen Kinder in solchen Situationen aufeinander los und tragen ihre Differenzen in einem Kampf aus. Die Aufgabe von Erwachsenen ist es dann, ihnen andere Wege aus der Situation zu zeigen. Wenn gespuckt wird, müssen Kinder erfahren, dass dieses Verhalten auch keine Lösung ist. Es ist aber weder kriminell noch ein Grund dafür, ein Kind vom Unterricht zu suspendieren. Finde ich jedenfalls.

Was lernen die betroffenen Kinder daraus?

Der achtjährige Junge aus der Schweiz ist möglicherweise traumatisiert. Aus seinem harmlosen Spaß hat sich eine Polizeiaktion entwickelt, in die seine ganze Familie hineingezogen wurde. Sein Verhalten ist aktenkundig. Dieses Kind ist vermutlich stark verunsichert und traut sich nicht mehr viel zu. Selbstbewusstsein adé. Es hat die Erfahrung gemacht, nicht einschätzen zu können, welche Konsequenzen sich aus seinem Verhalten ergeben. Woher soll er wissen, ob nicht auch andere harmlose Aktivitäten zu einer erneuten Polizeiaktion führen können?

Folgt jetzt Mobbing?

Ratlos wird der Viertklässler sein, der wegen einer eher harmlosen Auseinandersetzung nicht mehr die Schule besuchen darf. Er selber und seine gesamte Familie muss nun einen Corona-Test machen und auch selber bezahlen (wie ist das eigentlich bei Tönnies geregelt?). Erst wenn alle negativ getestet sind, darf er wieder am Unterricht teilnehmen. Doch wie wird dann der Rest der Klasse auf ihn reagieren? Das Kind verliert vermutlich erneut ein oder zwei Wochen Schulunterricht. Diesmal ist er jedoch alleine betroffen, seine Mitschülerinnen und Mitschüler werden im Lernstoff weitergehen. Als ADHSler hatte es in der Klassengemeinschaft sowieso nicht leicht, die Situation wird sich vermutlich in Zukunft verschlimmern.

Strafmaßnahmen

Wo bleibt der gesunde Menschenverstand?

Ich finde es schon sehr befremdlich, wie an vielen Stellen unserer Gesellschaft mit Kindern umgegangen wird. Auf der einen Seite gibt es einen riesigen Forderungskatalog, um vermeintlich im Leben erfolgreich sein zu können. Eine Sprache lernen, ein Instrument beherrschen, einem Sportverein beitreten, einen Auslandsaufenthalt machen, gemeinnützige Zwecke unterstützen und natürlich gute Noten haben.

Auf der anderen Seite wird alles kontrolliert, gesteuert und reguliert, sodass Kinder kaum noch eine Möglichkeit haben, sich frei zu entfalten. Fehler machen, Langeweile aushalten, viele neue Dinge ausprobieren und einfach mal kreativ sein sind Erziehungskonzepte der Sechzigerjahre. Heute ist dafür bei vielen Kindern überhaupt keine Zeit mehr, stattdessen wird vom Unterricht suspendiert. Man könnte ja etwas verpassen!

Corona überfordert Elfjährige

Ich finde es schlimm, wenn ein Kind wegen Spuckens vom Unterricht suspendiert wird. Vermutlich weiß der Junge ganz genau, was erlaubt und was verboten ist. Doch von einem Kind zu erwarten, in einer emotionalen Situation mit dem Verstand zu reagieren, ist ganz schön anspruchsvoll. Ich erlebe im Supermarkt auch immer wieder Erwachsene, denen der Mindestabstand plötzlich völlig egal ist, wenn es darum geht, die letzte Flasche Bitter Lemmon in den Einkaufswagen zu legen oder das letzte Brathähnchen zu ergattern. Dann überholt man auch schon mal gerne langsamere Mitbürger, und verschafft sich durch das Ignorieren der Abstandsregelung einen Vorsprung. Soll die jetzt alle vom Einkaufen suspendiert werden?

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